Erwählung und Gnade vs. freier Wille? Eine Antwort!

Hilfreich sind gewisse Analogien aus der Physik sicherlich, um dieses uralte theologische Problem (Erwählung/ Prädestination Gottes vs. freier/ unfreier Wille beim Menschen) zu lösen, z.B. solche Vergleiche und Verständnishilfen aus der Quantenmechanik (Lokation und Nichtzugreifbarkeit), aus der Licht-Wellen-Analogie (Komplementarität) oder aus der Perspektivität (Gleichzeitigkeit), also aus Gottes Sicht (Erwählung) und aus des Menschen Sicht (Willensentscheidung).

Doch hinreichend sind solche Vergleiche alle nicht.

Seit Jahren habe ich wahrscheinlich (fast) alle theologiegeschichtlich relevanten und auch philosophischen Antworten zum Thema studiert, analysiert, rezipiert und abgewogen. Die Antwort, die mir einleuchtet, die die biblische Offenbarung nahelegt, lässt sich in Worten kurz zusammenfassen, auch wenn es im Detail darum gehen muss, biblisch untermauert, gedanklich plausibilisiert, das Ganze präzise zu entfalten. Letzteres kann ic h hier jetzt nicht leisten. Wenn ich Mal Zeit finde, wird das dann ein Buch zum Thema, für andere zur Verständnishilfe oder zum konstruktiv-kritischen Weiterstudium. In Kürze soviel:

Die biblische Offenbarung ist klar.

  1. Der natürliche Mensch im status corruptionis ist geistlich tot (Eph. 2,1ff. u.ö.). Wer so tot ist, der hat keinerlei Möglichkeit, aus sich heraus, Gott zu nähern oder irgendetwas zu entscheiden hinsichtlich „seines“ Heils“ bzw. „seiner“ Rettung aus der Verlorenheit. Im Blick auf Gott und auf das zu ergreifende Heil ist jeder Mensch unfrei, tot, mit einem geknechteten Willen ausgestattet, nie mit einem freien Willen. Das einzige Wesen, das von Natur aus einen freien Willen hat, ist Gott.
  2. Dann gibt es die Fülle an biblischen Erwählungs- und Vorherbestimmungsaussagen, die jede einzeln im Kontext der Schrift exegetisiert werden müssen, auch solche Kardinalstellen, wie Römer 9, einer Stelle, die primär die Souveränität Gottes im Blick auf das Bundesvolk Israel auslotet (im Literalsinn Jakob – Esau).

Andere Erwählungsaussagen der Heiligen Schrift, die eindeutig Gottes alleiniges Entscheiden und Tun charakterisieren, gilt es ebenfalls im Kontext auszulegen. Der Mensch und sein Reagieren jedenfalls spielen darin aktiv keinerlei Rolle.

  1. Dann finden wir im NT (und nur dieses ist in diesem Bereich relevant) eine Menge Imperative, also Aufffoprderung etwas zu tun oder zu reagieren: „Glaube nur, glaube jetzt!“, „Tut Buße!“, „Kehret um!“, „Verlasse!“ Diese Aufforderungen werden auch gerade Ungläubigen zugerufen im Verkündigungszusammenhang. Ein Imperativ macht jedoch nur dann Sinn, wenn das Befohlene auch vom Adressierten ausgeführt werden kann. Die Adressierten aber sind tot, sie können gar nicht reagieren und auch den Befehl nicht umsetzen. Sie haben ja keinen freien Willen (siehe Punkt 1.). Hier liegt das Dilemma. Kein natürlicher Mensch kann von sich aus mit seiner Aktion auf die Anrufung aus sich heraus reagieren. Keiner. Und die theologische Lösung, dass eben nur die Prädestinierten auf das Evangelium reagieren könnten, ist nirgends von der Schrift her abgedeckt. Die Lehre von der „Limited Atonement“ ist zudem eine schreckliche Verzerrung des biblischen Zeugnisses. Das Heil Christi gilt universal (2Kor. 5,19 u.ö.) für alle (objektiv), realisiert sich allerdings nicht universal, sondern partikular nur bei denen, die glauben (subjektiv durch Gnade gewirkt).
  2. Hier nun liegt das theologische Dilemma: wie kommt jemand zum Glauben an das Evangelium, um gerettet zu werden (Röm. 10,9-11 u.ö.), wenn er doch geistlich tot ist, unfähig von sich aus zu reagieren, und er von Natur aus keinen freien Willen hat?
  3. Die Lösung der Schrift liegt im Wirken des kraftvollen „Wortes“ allein. Das Wort Gottes hat die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken. Siehe als Typus Lazarus, der schon im Verwesungszustand im Grab lag. Wie konnte er lebendig werden? Durch das machtvolle Wort Jesu allein. Lazarus konnte weder natürlich hören, seinen Willen äußern oder reagieren. Das Wort allein ließ ihn herauskommen aus dem Tod.

So ist es auch im übertragenen Sinn bei jedem Menschen, der geistlich tot und im Willen geknechtet ist. Das Wort allein macht es.

  1. Die biblische Antwort auf das genannte Dilemma spiegelt sich in Narrativen wider, wie z.B. in Apg. 2,37-41 („da ging es ihnen durchs Herz“) oder in Apg. 16,14 („der tat der Herr das Herz auf, dass sie achthatte auf das, was von Paulus gesagt wurde“).

Punktuell im Verkündigungsvorgang wird der Tote also demnach kurzfristig (!) zum Hören befähigt, um das Wort zu begreifen und ggfs. mit Glauben zu antworten. Entscheiden kann der Tote dabei aber nichts. Er „vertraut“ (fides qua creditur) in dieser durch das Wort eröffneten Situation oder er tut es nicht. Tut er es nicht, bleibt er schlicht und einfach im Tode, dort in dem Zustand, wo er zuvor auch schon gewesen war. Nur in diesem kurzen, vom Wort Gottes kurzfristig eröffneten „Fenster“ ist es dem Sünder möglich durch Gnade, eine Glaubens-Antwort auf den Imperativ in der Verkündigung zu geben (vgl. Röm. 10,1-17 usw.). Nur in diesem Zeitfenster! Ist diese punktuelle Situation vorbei, schließt sich die Möglichkeit wieder, dem Rufer (Gott) durch das ihn getroffene Wort Gottes eine Glaubensantwort zu geben. Der tote Mensch bleibt dann wo und wie er normalerweise eben ist, geknechtet, unfrei, tot, im status corruptionis. An seiner Natur ändert sich nichts.

  1. Der natürliche Mensch hat keinen freien Willen, zu Gott zu kommen oder das Heil zu ergreifen oder es zu suchen. Er hat eine zeitlich punktuelle Möglichkeit, dem machtvollen Wort, das ihn im Herz (Personenzentrum) trifft, Glaubensgehorsam entgegenzubringen (Röm. 1,5). Dieser „hörfähig gemachte“ Zustand existiert aber immer nur zeitlich begrenzt dann, wenn das Evangelium bzw. das Wort Gottes von Mal zu Mal einen Verlorenen mit Dynamis (Kraft) erreicht (Röm. 1,16f.). Eine subjektive Antwort des Glaubensgehorsams auf das objektiv universal gültige Versöhnungswerk Christi wird durch Gnade gewirkt (Eph. 2,8-10 u.ö.).
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2 responses to “Erwählung und Gnade vs. freier Wille? Eine Antwort!

  • Guenter-Vogel@t-online.de

    Lieber Berthold, danke für diesen sehr guten und ausgewogenen Artikel! Meine einzige Kritik betrifft die Überschrift. Ich würde da eher an Deinem Schlusssatz anknüpfen und so formulieren: Gnade oder freier Wille? Begründung: Das Dilemma, wie jemand mit einem unfreien Willen sich bekehren kann, wird biblisch gut gelöst. Antwort: Durch die Gnade Gottes, die durch sein Wort (und seinen Geist, Johannes 3) am Herzen des Sünders wirkt. Das wird sehr gut und verständlich herausgestellt. Offen bleibt aber folgendes Dilemma: Wie kommt es, dass ausgerechnet alle Erwählten sich auch bekehren und dass die Nicht-Erwählten das eben nicht tun. Das heißt: In dem Moment, wo wir nicht nur die Gnade, sondern auch die Erwählung Gottes gedanklich einbringen, haben wir ein Dilemma, das wir m. E. auf der Erde nicht lösen können. Vielleicht wird Dein Buch ja eine Lösung anbieten? In dem Artikel spielt jedenfalls nicht die Erwählung die Hauptrolle, sondern die Gnade. Mal schauen, was das für eine Diskussion auf biblipedia und Facebook gibt. Ich spitze schonmal die Feder. 😉 Herzlichst Günter

    • Schwarz-ad-hoc

      Danke, Günter. Gnade und Erwählung liegen – soweit ich die Debatten überschaue – gar nicht so weit voneinander weg: „Gnadenwahl“ usw. Ich habe einfach – wahrscheinlich aus Bequemlichkeit – diese Überschrift gewählt, weil sie so im Netz oft erörtert oder kommentiert wird. Das hatte keinen tiefer gehenden Sinn. 😉

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